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© 2008 Núria Añó. All rights reserved.
Seite erstellt am 12.02.2008. Aktualisiert am 06.10.2014
Europa 2006: Hier gibt es viele alte und erfahrene Menschen, die endlich entscheiden können, ob sie den Wecker in die Ecke werfen oder in den Koffer packen. Menschen, die sich aussuchen können, was sie in den Koffer packen. Menschen, die genau wissen, ob sie die Badehose oder den Wanderstock einpacken wollen, ob ihre Sonnencreme den Lichtschutzfaktor 60 oder 120 haben soll. Ob Hotel oder Aparthotel. Ob Apartment oder Zelt. Ob Vitamintablette, Viagra oder Arthritistabletten. Ob Seebäder oder Wellnesscenters. Menschen, die ihr Sparbuch und einen genauen Rentenplan in der Hand halten, weil sie Vorsorge getroffen haben. Glückwunsch! Sie sind jetzt nicht mehr Arzt, Lehrer oder Verkäufer. Sie sind jetzt ein freier Mensch!

Diejenigen, die Dank moderner Kommunikationsmittel mit ihren Kindern jederzeit in Kontakt stehen können, sehen, wie diese ihre Enkel ins Auto packen. Mit einem Ziel: Ab jetzt wird der Babysitter gespart. Jeden Moment kann ihre neu erlangte Rentnerruhe einem Besuch zum Opfer fallen, wenn nämlich ihr reizendes Enkelkind auf dem Sofa herumhüpft, herumplärrt und dennoch ihr Herz erweicht. Weil es ihr Fleisch und Blut ist. Und weil sie selbst in gewisser Weise vom Aussterben bedroht sind. Menschen, die sich zwischen ihrer Familie und ihrem Leben entscheiden müssen. Die entscheiden müssen, ob sie ihre Koffer ein- oder auspacken. Entscheiden müssen, ob sie ihre Rente für sich behalten oder sie mit den eigenen Kindern teilen.

Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins... Willkommen im Jahr 2066!!

 
Wir schreiben das Jahr 2066. Europa ist gealtert. Selbstmorde, Herzinfarkte, Tod durch Erschöpfung, natürliche Tode und vereitelte Fluchtversuche sind die Folge.
Europa 2066: Hier denkt man in einfachen mathematischen Kategorien. Wer arbeitet, schafft Geld heran, wer im Ruhestand ist, gibt es aus. Hier kann die Wirtschaft noch immer den ganzen Kontinent ins Schwanken bringen. Kürzlich wurden zahlreiche Lager eröffnet, die sich derzeit noch in einer Versuchsphase befinden. Wer geglaubt hatte, im Jahr 2066 in Rente gehen zu können, wurde nun dazu aufgerufen, sich an einer  Art  ökologischen Reform zu beteiligen, wenn er irgendwann einmal eine Rente erhalten wollte. Deshalb wurden er und seine Altersgenossen in Lager interniert.
Nicoletta etwa wollte ohnehin so etwas einmal machen, nur hätte sie sich gern selbst dazu entschieden. Eine Stunde am Tag hätte gereicht, um ihre Depressionen zu behandeln; sie war deshalb sehr oft auf der Arbeit abwesend. Und eines Tages musste sie dies mitanhören: "Nicoletta Vlasak, uns liegt vor, dass Sie zwischen 2030 und 2040 für verschieden NGOs in Lateinamerika gearbeitet haben und zwischen 2041 und 2043 mehrmals nach Afrika gereist sind. Da Sie nur wenig in die Rentenkasse eingezahlt haben, aber seit fünf Jahren eine Rente beziehen, Ihre Sozialversicherungsnummer wurde für die Mission im Lager C gezogen: 'Europa gegen den sauren Regen.' Ihre Aufgabe wird darin bestehen, über einen Zeitraum von fünf Jahren Bäume zu pflanzen. Ihr Haus wird in der Zwischenzeit vermietet, die Schlüssel bekommen sie wieder ausgehändigt, sobald die Mission beendet ist."

Miguel hatte schon drei Schweinefleischkonzentrate in weißem Reis aufgelöst, als sein virtueller Bildschirm hochfuhr. "Wir haben eine Erhöhung Ihres Cholesterinspiegels in den letzten zwei Minuten festgestellt. Angesichts Ihrer hohen Anspannung und Ihres Gewichts von 148 Kilo, könnten Sie uns bitte bestätigen, ob Sie vorhaben, Selbstmord zu begehen?" Miguel antwortete darauf: "Sie werden ja wohl nicht verlangen, dass ich mich gerade jetzt umbringe, wo ich kurz davor bin, in Rente zu gehen! Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, morgens um fünf aufzustehen und mit dem Lkw kreuz und quer durch Europa zu fahren, immer wieder ein- und ausladen." Und er fügte hinzu: "Ich habe einen Bandscheibenvorfall und Rheuma. Was ich mir jetzt am meisten wünsche, ist, endlich den Lkw zu vergessen und angeln zu gehen." Und wie er da so saß, musste er ungläubig zuhören, wie ihm gesagt wurde: "Miguel Pontes, angesichts ihres Sinns für Humor möchten wir Sie daran erinnern, dass ihre Sozialversicherungsnummer für die Mission im Lager F ausgewählt wurde: 'Europa gibt den Flüssen das Leben zurück'."

Als im Haus von Pietro der virtuelle Bildschirm hochfuhr, war es Elizabeth, die mit einem Klick das Gespräch mit dem unbekanntem Teilnehmer akzeptierte. Eigentlich hatte sie auf einen ihrer Enkeln gehofft und rief daher "Pietro!". Und Pietro lauschte mit Augen so groß wie Untertassen und bestätigte: "Ja, ich beziehe seit fünf Jahren Rente." Er las die Dokumente, die er digital unterschrieb, bis er hörte: "Pietro Schieder, sie haben kürzlich ihren Rentenanspruch erneuert. Zu schade, dass Sie sich nicht für unser Ziel 'Europa verwandelt Eis in Wasser - eine Mission an den Polen' einsetzen wollen." Am Ende hörten sie beide, wie die Stimme sagte: "Elizabeth Toderas, drei Abtreibungen, zwei Söhne und eine Tochter. Sie gehen im März in Rente. Wir möchten Sie hiermit daran erinnern, dass Ihre Mission im Lager A am ersten März beginnt: 'Klonen von fruchtbaren Frauen.' Wir erinnern Sie daran, sich bis dahin physisch auf Ihre Aufgabe vorzubereiten."

Jacques hatte schon lang auf diese Videokonferenz gewartet. Der Bildschirm ging an und er sagte "Ich kann es kaum erwarten, mit der Mission zu beginnen. Verhaftet mich endlich!" Aber seine Nummer war nicht ausgewählt worden. Er hatte das Glück, von allen Vorteilen seines Ruhestandes profitieren zu können. "Jacques Zola, wie bedauern es sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir keine Mission für Sie reserviert haben. Wir haben Sie alles rezensieren lassen, was Sie wollten, da ohnehin kaum mehr jemand elektronische Bücher liest. Außerdem ist Ihre Sozialversicherungsnummer gar nicht erst für die Ziehung in Betracht gezogen worden, weil wir es nicht riskieren können, dass Ihre Worte den Hühnerstall in Aufruhr versetzen."

Auf diese Weise konnten die Auftraggeber, die das Projekt "Europa gegen das Alter" übernommen hatten, die ersten Früchte ihrer Bemühungen ernten: Selbstmorde, Herzinfarkte, Tod durch Erschöpfung, natürliche Tode und vereitelte Fluchtversuche. Alles vorschriftsmäßig durch die ehemaligen Häftlinge kontrolliert, die die Projekte leiteten. Auf der anderen Seite war jedoch die versprochene ökologische Reform ein totaler Misserfolg. Auch wenn das schon lang bekannt gewesen war, bevor man unterschrieben hatte. Nun aber beginnt die Suche nach neuen bewohnbaren Planeten.

Núria Añó - 19.6.2006 | Übersetzung: Camilla Gendola
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Salón literario en Sinan Mansion

Lectura en la East China Normal University

Charla en el Instituto Cervantes de China

Mesa redonda con escritores chinos e internacionales

An interview with author Núria Añó
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Webseite der Autorin Núria Añó

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"Hier denkt man in einfachen mathematischen Kategorien. Wer arbeitet, schafft Geld heran, wer im Ruhestand ist, gibt es aus."
--2066. Die Zeit der Korrektur hat begonnen

"Sie könnte einfach den Koffer packen und fortgehen, doch sie kann nicht erkennen, was vor ihr liegt."
--Vorahnung

Núria Añó was born in Lleida, North East Spain, in 1973. She is a Catalan/Spanish writer, a translator and a regular speaker at conferences and symposia, where she gives papers on literary creation, films, cities or authors like Elfriede Jelinek, Patricia Highsmith, Salka Viertel, Karen Blixen, Alexandre Dumas or Franz Werfel at University of Lleida (UdL), Tunis University, University of Jaén (UJA), International University of Andalucía (UNIA), Spanish National Research Council (CSIC-Madrid), Sysmän Kirjasto Library in Finland, Shanghai Writers' Association (SWA), Fudan University in China, East China Normal University, Sinan Mansion or Instituto Cervantes in Shanghai.
Her first story was published in 1990. Other short stories and essays were published in anthologies such as Dones i literatura a Lleida (1997); VIII Concurs de Narrativa Literària Mercè Rodoreda (1997); Estrenes (2005); Escata de drac (2012); Des lettres et des femmes... La femme face aux défis de l'histoire (2013); Fábula  (2013); Grief (2014); Resonancias (2014); Les romancières sentimentales: nouvelles approches, nouvelles perspectives (2014); Letralia, Year XXI (2016); Cien años del Genocidio Armenio: Un siglo de silencio (Editarx, 2016); Revista Narrativas, no. 43 (2016) and in L'art de l'adaptation: féminité et roman populaire (University of Lleida, 2016).
Her novel Els nens de l'Elisa [Elisa's Children] was third among the finalists for the 24th Ramon Llull Prize for Catalan Literature and was published in 2006. L'escriptora morta [The Dead Writer], in 2008; Núvols baixos [Low Clouds], in 2009, and La mirada del fill [The Son's Gaze], in 2012. She is currently finishing a biography of screenwriter Salka Viertel, a Jewish salonnière and well-known in Hollywood in the thirties as a specialist on Greta Garbo scripts.
The short story 2066. Beginning the age of correction, written in Catalan, was published in the European magazine Cafébabel and translated into Spanish, French, English, Italian, German and Polish. Presage is also published in the American literary journal When Women Waken.
Her writing focus on the characters' psychology, generally antiheroes. The characters are the most important in her books, much more than the topic, due to "an introspection, a reflection, not sentimental, but feminine". Her novels cover a multitude of topics, treat actual and socially relevant problems such as injustices or poor communication between people and frequently, the core of her stories remains unexplained. Añó asks the reader to discover the "deeper meaning" and to become involved in the events presented. Read more
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Literary Prizes/ Awards:
2017. Awarded at the Baltic Centre for Writers and Translators in Sweden.
2016. Awarded at the Shanghai Writing Program, hosted by the Shanghai Writer's Association.
2016. Awarded by the Culture Association Nuoren Voiman Liitto to be a resident at Villa Sarkia in Finland.
2004. Third among the finalists for the 24th Ramon Llull Prize for Catalan Literature.
1997. Finalist for the 8th Mercè Rodoreda Prize for Catalan Short Stories.
1996. Awarded the 18th City of Almenara Joan Fuster Prize for Fiction.


Ich bin eine katalanisch schreibende Autorin. 2006 schrieb ich diese Kurzgeschichte, die dank eines europäischen Magazins ins Deutsche übersetzt wurde.  Auf der Startseite gibt es Übersichten meiner Romane und eine kurze Biografie auf Deutsch. Leider ist der ganze Inhalt der Homepage nur auf Katalanisch und Spanisch.

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Lesen | '2066. DIE ZEIT DER KORREKTUR HAT BEGONNEN', von Núria Añó

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