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© 2008 Núria Añó. All rights reserved.
Seite erstellt am 12.02.2008. Aktualisiert am 24.09.2019
Europa 2006: Hier gibt es viele alte und erfahrene Menschen, die endlich entscheiden können, ob sie den Wecker in die Ecke werfen oder in den Koffer packen. Menschen, die sich aussuchen können, was sie in den Koffer packen. Menschen, die genau wissen, ob sie die Badehose oder den Wanderstock einpacken wollen, ob ihre Sonnencreme den Lichtschutzfaktor 60 oder 120 haben soll. Ob Hotel oder Aparthotel. Ob Apartment oder Zelt. Ob Vitamintablette, Viagra oder Arthritistabletten. Ob Seebäder oder Wellnesscenters. Menschen, die ihr Sparbuch und einen genauen Rentenplan in der Hand halten, weil sie Vorsorge getroffen haben. Glückwunsch! Sie sind jetzt nicht mehr Arzt, Lehrer oder Verkäufer. Sie sind jetzt ein freier Mensch!

Diejenigen, die Dank moderner Kommunikationsmittel mit ihren Kindern jederzeit in Kontakt stehen können, sehen, wie diese ihre Enkel ins Auto packen. Mit einem Ziel: Ab jetzt wird der Babysitter gespart. Jeden Moment kann ihre neu erlangte Rentnerruhe einem Besuch zum Opfer fallen, wenn nämlich ihr reizendes Enkelkind auf dem Sofa herumhüpft, herumplärrt und dennoch ihr Herz erweicht. Weil es ihr Fleisch und Blut ist. Und weil sie selbst in gewisser Weise vom Aussterben bedroht sind. Menschen, die sich zwischen ihrer Familie und ihrem Leben entscheiden müssen. Die entscheiden müssen, ob sie ihre Koffer ein- oder auspacken. Entscheiden müssen, ob sie ihre Rente für sich behalten oder sie mit den eigenen Kindern teilen.

Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins... Willkommen im Jahr 2066!!

 
Wir schreiben das Jahr 2066. Europa ist gealtert. Selbstmorde, Herzinfarkte, Tod durch Erschöpfung, natürliche Tode und vereitelte Fluchtversuche sind die Folge.
Europa 2066: Hier denkt man in einfachen mathematischen Kategorien. Wer arbeitet, schafft Geld heran, wer im Ruhestand ist, gibt es aus. Hier kann die Wirtschaft noch immer den ganzen Kontinent ins Schwanken bringen. Kürzlich wurden zahlreiche Lager eröffnet, die sich derzeit noch in einer Versuchsphase befinden. Wer geglaubt hatte, im Jahr 2066 in Rente gehen zu können, wurde nun dazu aufgerufen, sich an einer  Art  ökologischen Reform zu beteiligen, wenn er irgendwann einmal eine Rente erhalten wollte. Deshalb wurden er und seine Altersgenossen in Lager interniert.
Nicoletta etwa wollte ohnehin so etwas einmal machen, nur hätte sie sich gern selbst dazu entschieden. Eine Stunde am Tag hätte gereicht, um ihre Depressionen zu behandeln; sie war deshalb sehr oft auf der Arbeit abwesend. Und eines Tages musste sie dies mitanhören: "Nicoletta Vlasak, uns liegt vor, dass Sie zwischen 2030 und 2040 für verschieden NGOs in Lateinamerika gearbeitet haben und zwischen 2041 und 2043 mehrmals nach Afrika gereist sind. Da Sie nur wenig in die Rentenkasse eingezahlt haben, aber seit fünf Jahren eine Rente beziehen, Ihre Sozialversicherungsnummer wurde für die Mission im Lager C gezogen: 'Europa gegen den sauren Regen.' Ihre Aufgabe wird darin bestehen, über einen Zeitraum von fünf Jahren Bäume zu pflanzen. Ihr Haus wird in der Zwischenzeit vermietet, die Schlüssel bekommen sie wieder ausgehändigt, sobald die Mission beendet ist."

Miguel hatte schon drei Schweinefleischkonzentrate in weißem Reis aufgelöst, als sein virtueller Bildschirm hochfuhr. "Wir haben eine Erhöhung Ihres Cholesterinspiegels in den letzten zwei Minuten festgestellt. Angesichts Ihrer hohen Anspannung und Ihres Gewichts von 148 Kilo, könnten Sie uns bitte bestätigen, ob Sie vorhaben, Selbstmord zu begehen?" Miguel antwortete darauf: "Sie werden ja wohl nicht verlangen, dass ich mich gerade jetzt umbringe, wo ich kurz davor bin, in Rente zu gehen! Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, morgens um fünf aufzustehen und mit dem Lkw kreuz und quer durch Europa zu fahren, immer wieder ein- und ausladen." Und er fügte hinzu: "Ich habe einen Bandscheibenvorfall und Rheuma. Was ich mir jetzt am meisten wünsche, ist, endlich den Lkw zu vergessen und angeln zu gehen." Und wie er da so saß, musste er ungläubig zuhören, wie ihm gesagt wurde: "Miguel Pontes, angesichts ihres Sinns für Humor möchten wir Sie daran erinnern, dass ihre Sozialversicherungsnummer für die Mission im Lager F ausgewählt wurde: 'Europa gibt den Flüssen das Leben zurück'."

Als im Haus von Pietro der virtuelle Bildschirm hochfuhr, war es Elizabeth, die mit einem Klick das Gespräch mit dem unbekanntem Teilnehmer akzeptierte. Eigentlich hatte sie auf einen ihrer Enkeln gehofft und rief daher "Pietro!". Und Pietro lauschte mit Augen so groß wie Untertassen und bestätigte: "Ja, ich beziehe seit fünf Jahren Rente." Er las die Dokumente, die er digital unterschrieb, bis er hörte: "Pietro Schieder, sie haben kürzlich ihren Rentenanspruch erneuert. Zu schade, dass Sie sich nicht für unser Ziel 'Europa verwandelt Eis in Wasser - eine Mission an den Polen' einsetzen wollen." Am Ende hörten sie beide, wie die Stimme sagte: "Elizabeth Toderas, drei Abtreibungen, zwei Söhne und eine Tochter. Sie gehen im März in Rente. Wir möchten Sie hiermit daran erinnern, dass Ihre Mission im Lager A am ersten März beginnt: 'Klonen von fruchtbaren Frauen.' Wir erinnern Sie daran, sich bis dahin physisch auf Ihre Aufgabe vorzubereiten."

Jacques hatte schon lang auf diese Videokonferenz gewartet. Der Bildschirm ging an und er sagte "Ich kann es kaum erwarten, mit der Mission zu beginnen. Verhaftet mich endlich!" Aber seine Nummer war nicht ausgewählt worden. Er hatte das Glück, von allen Vorteilen seines Ruhestandes profitieren zu können. "Jacques Zola, wie bedauern es sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir keine Mission für Sie reserviert haben. Wir haben Sie alles rezensieren lassen, was Sie wollten, da ohnehin kaum mehr jemand elektronische Bücher liest. Außerdem ist Ihre Sozialversicherungsnummer gar nicht erst für die Ziehung in Betracht gezogen worden, weil wir es nicht riskieren können, dass Ihre Worte den Hühnerstall in Aufruhr versetzen."

Auf diese Weise konnten die Auftraggeber, die das Projekt "Europa gegen das Alter" übernommen hatten, die ersten Früchte ihrer Bemühungen ernten: Selbstmorde, Herzinfarkte, Tod durch Erschöpfung, natürliche Tode und vereitelte Fluchtversuche. Alles vorschriftsmäßig durch die ehemaligen Häftlinge kontrolliert, die die Projekte leiteten. Auf der anderen Seite war jedoch die versprochene ökologische Reform ein totaler Misserfolg. Auch wenn das schon lang bekannt gewesen war, bevor man unterschrieben hatte. Nun aber beginnt die Suche nach neuen bewohnbaren Planeten.

Núria Añó - 19.6.2006 | Übersetzung: Camilla Gendola
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Webseite der Autorin Núria Añó

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Núria Añó (Lleida, 10. Februar 1973) ist eine katalanisch-spanische Autorin. Sie verbindet das Schreiben mit dem Übersetzen, nimmt an Kolloquien und internationalen Stipendien teil, wo sie in der Regel über ihr Werk, kreatives Schreiben, Kino, Städte und das Exil spricht. Auch analysiert sie Werke berühmter Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Patricia Highsmith, Salka Viertel, Alexandre Dumas Jr., Franz Werfel oder Karen Blixen (Isak Dinesen). Ihre Arbeiten wurden in verschiedenen Universitäten und Foren ausgestellt, unter anderen an den spanischen Universitäten Lleida (UdL) und Jaén (UJA), an der Internationalen Universität Andalusien (UNIA) und beim Spanischen Nationalen Forschungsrat (CSIC-Madrid). Außerdem stellte sie in der Sysmän Kirjasto Bibliothek (Finnland) aus und in China in der Shanghai Writers Association (SWA), an der Fudan-Universität, an der Pädagogischen Universität Ostchina (ECNU), im berühmten literarischen Raum Sinan Mansion und im Cervantes Institut. Auch in Polen, bzw. Krakau - beim Conrad Festival, im Massolit Books & Coffee und in der Baza Literatur-Bar - konnten ihre Werke besichtigt werden. Ferner wurden ihre Arbeiten auch an verschiedenen Bibliotheken der Sekundar- und Hochschulbildung beherbergt und sie ist auch bei internationalen Wettbewerben als Jurymitglied anzutreffen.

Ihre erste Erzählung veröffentlichte sie im Alter von siebzehn Jahren und seitdem erschienen ihre Texte in Büchern und Zeitschriften wie Dones i literatura a Lleida (1997); VIII Concurs de Narrativa Literària Mercè Rodoreda (1997); Estrenes (2005); Dossier sobre la vejez en Europa (2006); Escata de drac, Nr. 8 (2012); Des lettres et des femmes... La femme face aux défis de l'histoire (2013); Fábula, Nr. 35 (2013); Grief, 3. Ausgabe (2014); Resonancias, Nr. 127 (2014); Les romancières sentimentales : nouvelles approches, nouvelles perspectives, in der Sprach- und Literaturzeitschrift L'ull crític Nr. 17 und 18 (2014); Letralia, Año XX (2016); Cien años del Genocidio armio: Un siglo de silencio (2016); Revista Narrativas Nr. 43 (2016); L'art de l'adaptation : féminité et roman populaire (2016); Nebula, Aprilausgabe (2017); Cine y Literatura. 21 años de Letralia (2017); The Mother Tongue in a Foreign Land (2017); Domuzime, Nr. 4 (2017); Revista Literaria Visor, Nr. 12 (2018); Exilios y otros desarraigos (2018); China Life Magazine, Nr. 151 (2018); Shanghai Get-Together (2018); Mémoires et écrits de femmes : La création féminine revisitée (2019) und in Agapè. De l'amour dans la patrimoine littéraire (2019).

Ihr erster veröffentlichter Roman, Els nens de l'Elisa (Omicron, 2006), wurde einer der drei Finalisten für den XXIV. Ramon-Llull-Preis, einen der renommiertesten Preise der katalanischen Literatur, der von Editorial Planeta verliehen wird. L'escriptora morta (Omicron) wurde 2008 veröffentlicht, Núvols baixos (Omicron) in 2009 und La mirada del fill (Der Blick des Sohnes, 2019) (Abadia) im Jahre 2012.

Viele ihrer Romane, Kurzgeschichten und Essays wurden in spanischer, französischer, englischer, italienischer, deutscher, polnischer, chinesischer, lettischer, portugiesischer und niederländischer Sprache veröffentlicht.

Sie ist Gewinnerin der achtzehnten Ausgabe des Joan-Fuster-Preises für Belletristik der Stadt Almenara und Vierte beim 5. Treffen des Shanghai Writing Competition. Sie erhielt renommierte internationale Stipendien wie Nuoren Voiman Liitto (Finnland, 2016), Shanghai Writing Program (China, 2016), Baltic Centre (Schweden, 2017), IWTCR (Griechenland, 2017), Krakau UNESCO City of Literature (Polen, 2018) und Ventspils House (Lettland, 2019).

Ihre Werke sind durch die Psychologie ihrer Figuren geprägt, oft von der der Antihelden. Die Figur ist ein bedeutendes Kennzeichen ihres Werkes und nimmt einen viel wichtigeren Platz ein als das Thema. Auf diese Art gelingt es ihr, Dank ihrer femininen und weniger sentimentalen Introspektion, ein einzigartiges Gleichgewicht zwischen parallelen Randwelten zu erreichen. Ihre Romane behandeln eine Vielzahl von gesellschaftlichen und aktuellen Themen, wie die Ungerechtigkeit und die Kommunikationslosigkeit zwischen Individuen. Die Grundlage ihrer Romane bleibt oft unerklärt. Durch diese Herausforderung versucht Añó, den Leser in das Ereignis, wie sie es versteht, einzubeziehen, aber auch in die Entdeckung der darin enthaltenen "tiefen Bedeutungen".


"Hier denkt man in einfachen mathematischen Kategorien. Wer arbeitet, schafft Geld heran, wer im Ruhestand ist, gibt es aus."
--2066. Die Zeit der Korrektur hat begonnen

"Sie könnte einfach den Koffer packen und fortgehen, doch sie kann nicht erkennen, was vor ihr liegt."
--Vorahnung
Ich bin eine katalanisch schreibende Autorin. 2006 schrieb ich diese Kurzgeschichte, die dank eines europäischen Magazins ins Deutsche übersetzt wurde.  Auf der Startseite gibt es Übersichten meiner Romane und eine kurze Biografie auf Deutsch. Leider ist der ganze Inhalt der Homepage nur auf Katalanisch und Spanisch.

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Lesen | '2066. DIE ZEIT DER KORREKTUR HAT BEGONNEN', von Núria Añó

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Añós Roman DER BLICK DES SOHNES ist ins Deutsche übersetzt worden
DER BLICK DES SOHNES, Núria Añó. Übersetzt von Marie-Claire Cruz Schwarz

AUF DEUTSCH: 2019 ISBN: 9781071504239 (eBook)

Paula ist eine Kindergärtnerin, die keine Kinder bekommen kann und zusammen mit ihrem Mann ein rothaariges Baby, Daniel, adoptiert. Nach einigen Jahren bricht die biologische Mutter in diese idyllische Umgebung ein und reißt die bis dahin herrschende Ruhe auseinander. In verschiedenen Lebensphasen, von der Ankunft des Kindes im Haus bis zu seiner Volljährigkeit, führt uns Der Blick des Sohnes durch verschiedene Persönlichkeiten und deren Beziehungen. Ein Beispiel dafür ist die Persönlichkeit der Großmutter – eine Frau von Charakter mit einer besonderen Vorliebe für diesen Enkel – und deren problematische Beziehung mit der eigenen Tochter, Paula, die die Verkörperung schwieriger Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern darstellt. Dann ist da auch Sophie, eine junge Frau, die plötzlich mit dem Erwachen der Jugend erscheint…
Mit dem klassischen Tanz als Hintergrund nehmen wir an einer Liebesgeschichte teil, die das Vor- und Nachher kennzeichnet und in der alle viel mehr gemeinsam haben als es scheint.

„Diese interessante Geschichte lässt uns nicht gleichgültig, denn sie ist eine Einladung zur Besinnung in einer Welt, in der die Banalität ihr Reich ausübt. – L'Ull crític, Sprach- und Literaturzeitschrift Nr. 17 und 18.

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Der Blick des Sohnes

Der Blick des Sohnes, Núria Añó

Über die Autorin